Denken sichtbar machen

Kooperativ Lernen

Problemlösend arbeiten

Denkende Klassenzimmer

1. Ausgangslage – Das Problem im Unterricht

In vielen Klassen erleben wir ein Phänomen, das der Bildungsforscher Peter Liljedahl als „Studenting“ beschreibt. Damit ist gemeint, dass Schüler:innen zwar Anweisungen folgen und Aufgaben scheinbar erledigen, dabei aber kaum wirklich nachdenken. Sie wirken beschäftigt, ohne inhaltlich in die Tiefe zu gehen.

Die Schulleistungen unserer Schüler:innen bleiben insgesamt hinter unseren Erwartungen zurück. Besonders deutlich wird das im Fach Mathematik, wo Textaufgaben und Problemlösen eine große Hürde darstellen. Eigenständiges Denken findet nur in Ansätzen statt, und viele Schüler:innen erleben Unterricht eher passiv als aktiv.

Das ist nicht nur ein fachliches Problem, sondern auch eine Frage der Zukunftsfähigkeit. Schule hat die Aufgabe, junge Menschen auf ein selbstbestimmtes Leben und auf die Anforderungen von Ausbildung und Beruf vorzubereiten. Dazu gehören nicht nur Fachkenntnisse, sondern auch Schlüsselkompetenzen, die im europäischen Referenzrahmen ESCO beschrieben sind. Besonders wichtig sind dabei Problemlösungsfähigkeit, kritisches Denken, Zusammenarbeit, Kommunikation und Kreativität. Diese Kompetenzen sind für die Lebens- und Arbeitswelt von morgen entscheidend – und sie müssen gezielt im Unterricht gefördert werden.

2. Unsere Antwort – Building Thinking Classrooms (BTC)

An der Comenius-Schule haben wir nach Wegen gesucht, wie Schüler:innen im Unterricht aktiver und nachhaltiger lernen können. Erste Antworten hat uns das Konzept Building Thinking Classrooms (BTC) gegeben.

BTC verändert den Unterricht in mehreren Schritten. Gleich zu Beginn einer Stunde werden die Schüler:innen in zufällige Gruppen eingeteilt. Niemand weiß vorher, mit wem er oder sie zusammenarbeiten wird – dadurch brechen Routinen auf, alle müssen sich neu einlassen und übernehmen Verantwortung in wechselnden Teams. Anschließend erhalten die Gruppen eine offene Aufgabe, die nicht durch ein Rezept oder eine Schritt-für-Schritt-Anleitung lösbar ist, sondern echtes Nachdenken erfordert. Statt am Tisch zu sitzen, arbeiten die Schüler:innen im Stehen an vertikalen Tafelflächen, die für alle sichtbar sind. Dort werden Ideen gesammelt, ausprobiert, verworfen und verbessert. Fehler gehören selbstverständlich dazu und werden gemeinsam diskutiert. Am Ende der Arbeitsphase erfolgt die Sicherung. Die Lehrkraft führt die Ergebnisse der Gruppen zusammen, hebt zentrale Lösungsstrategien hervor und macht Unterschiede sichtbar. Dabei werden richtige Ideen verstärkt, alternative Ansätze verglichen und typische Denkfehler gemeinsam reflektiert. So entsteht ein konsolidiertes Verständnis, das nicht nur auf einer Lösung beruht, sondern auf einem breiten Spektrum an Denkwegen, die die Schüler:innen selbst entwickelt haben.

Unser Lehrer Christophe Kaucke hat den Ansatz bereits in seinem Unterricht erprobt und dafür seinen Klassenraum grundlegend verändert. Mit zusätzlichen Tafeln konnten ganze Lerngruppen in Teams an vertikalen Flächen arbeiten. Die Wirkung war deutlich spürbar: Die Schüler:innen beteiligten sich stärker, waren konzentriert, arbeiteten agiler und kreativer und entwickelten Freude am Problemlösen. Kolleg:innen, die durch Hospitationen Einblicke in diesen Unterricht erhalten haben, konnten sich ebenfalls von den positiven Effekten überzeugen. Diese Erfahrungen haben uns bestärkt, BTC experimentell und iterativ an unserer Schule einzuführen.

Die Rolle der Lehrkraft verändert sich mit BTC grundlegend. Sie steht nicht länger im Mittelpunkt, um Lösungen vorzugeben, sondern bewegt sich durch den Raum, beobachtet, stellt Rückfragen und gibt kleine Impulse. So entsteht ein Lernprozess, in dem die Schüler:innen aktiv und selbstständig denken, während die Lehrkraft als Ermöglicher:in agiert. Am Ende führt sie alle Stränge zusammen, macht zentrale Strategien sichtbar und konsolidiert das gemeinsame Verständnis.

Auf diese Weise wird das Denken aller Schüler:innen sichtbar, Lernende arbeiten intensiver zusammen und entwickeln Kompetenzen, die weit über das Rechnen hinausgehen: Sie üben, Probleme kreativ anzugehen, Argumente auszutauschen und Verantwortung für ihre Arbeit zu übernehmen.

3. Unser Entwicklungsprozess – vom Nowland zum Nextland

Für die Einführung von BTC orientieren wir uns am Nowland – Mare Transformatio –Nextland-Modell, das an der TU Hamburg für Schulentwicklungsprozesse entwickelt wurde. Dieses Modell beschreibt bildhaft den Weg von der aktuellen Situation über den Prozess der Veränderung bis hin zur gewünschten Zukunft.

Unser Nowland beschreibt die Ausgangslage: niedrige Mathematikleistungen, zu wenig aktives Denken und eine Lernkultur, die oft von „Studenting“ geprägt ist.
Im Mare Transformatio befinden wir uns jetzt: Wir erproben neue Ansätze, statten Räume aus, bilden einen freiwilligen Arbeitskreis und gehen Schritt für Schritt vor. Dieser Weg ist nicht immer geradlinig, sondern ein Prozess des Ausprobierens, Reflektierens und Weiterentwickelns.

Unser Nextland ist die Vision: eine Schule, in der Building Thinking Classrooms in allen Klassenräumen selbstverständlich ist, in der Schüler:innen aktiv und kreativ lernen und in der zentrale Kompetenzen wie Problemlösen, kritisches Denken und Zusammenarbeit gestärkt werden.

4. Umsetzung an der Comenius-Schule

Ab dem Schuljahr 2025/2026 wollen wir BTC schrittweise einführen. Wir gehen dabei bewusst experimentell und iterativ vor: Wir starten in ausgewählten Klassen, sammeln Erfahrungen, reflektieren sie im Team und passen unsere Vorgehensweise kontinuierlich an. Unterstützt werden wir durch die Schulaufsicht. Mitmachen können alle motivierte Lehrer:innen, die bereit sind, Neues auszuprobieren und ihre Erfahrungen einzubringen. So wächst Stück für Stück eine Kultur, in der BTC nicht nur ein Konzept einzelner bleibt, sondern Teil unserer Schulpraxis wird.

Damit dies gelingt, schaffen wir die notwendigen Voraussetzungen. In möglichst vielen Klassenräumen richten wir vertikale Tafelflächen ein, sodass Gruppenarbeit für 28 Schüler:innen möglich ist. Kolleg:innen besuchen sich gegenseitig im Unterricht, tauschen Erfahrungen aus und entwickeln Materialien gemeinsam weiter. So entsteht eine neue Form kollegialen Lernens, die unsere Unterrichtsentwicklung insgesamt bereichert.

5. Förderung und Unterstützung

Ermöglicht wird die Einführung von BTC durch das Startchancen-Programm, das gezielt Schulen in herausfordernden Lagen fördert. Dank dieser Unterstützung können wir unsere Räume ausstatten, Fortbildungen organisieren und die nachhaltige Umsetzung absichern. Auch das Schulamt begleitet diesen Prozess und unterstützt uns bei der Umsetzung. Ohne diese Förderung und institutionelle Rückendeckung wäre ein Projekt in dieser Größenordnung nicht realisierbar.

6. Begleitung & Reflexion

Die Einführung von Building Thinking Classrooms an der Comenius-Schule soll nicht nur praktisch erprobt, sondern auch wissenschaftlich fundiert begleitet werden. Uns ist wichtig, die Veränderungen im Unterricht nicht nur zu spüren, sondern auch nachvollziehbar zu machen und dauerhaft zu sichern. Deshalb legen wir großen Wert auf eine begleitende Evaluation und auf Impulse aus der aktuellen Schulentwicklungsforschung.

Unsere Lehrkräfte Christophe Kaucke und Nina Theelen nehmen dazu an der Fortbildungsreihe „Leadership in der digitalen Transformation“ der Dortmunder Akademie für Pädagogische Führungskräfte (DAPF) der TU Dortmund teil. Diese Reihe vermittelt Kompetenzen, die direkt für unser Projekt relevant sind: Wie können Schulen Veränderungsprozesse strategisch gestalten? Wie können digitale Werkzeuge genutzt werden, um Unterrichtsqualität sichtbar zu machen und Fortschritte messbar zu evaluieren? Wie gelingt es, Innovationen nicht als Einzelinitiative, sondern nachhaltig in der gesamten Organisation zu verankern?

Die Auseinandersetzung mit diesen Fragen unterstützt uns dabei, BTC nicht nur als pädagogisches Konzept einzuführen, sondern als Teil einer umfassenden Schulentwicklung zu begreifen. So verbinden wir die konkrete Unterrichtspraxis mit einer systematischen Reflexion, die auf Daten, Forschungsergebnissen und nachhaltiger Prozesssteuerung basiert.

7. Unsere Ziele

Mit BTC verfolgen wir klare Ziele. Kurzfristig wollen wir die Beteiligung und Motivation unserer Schüler:innen steigern. Mittelfristig streben wir eine spürbare Verbesserung der Leistungen in Mathematik an – zunächst um 0,5 Notenpunkte, langfristig um 1,0 Notenpunkte gegenüber der Ausgangslage. Zudem wollen wir BTC experimentell auch in anderen Fächern erproben. Langfristig geht es uns jedoch um mehr als um Noten: Wir wollen die Schlüsselkompetenzen unserer Schüler:innen stärken, insbesondere ihre Fähigkeit, kritisch zu denken, Probleme zu lösen, kreativ zu arbeiten und im Team zusammenzuwirken.

7. Ausblick

Wir wollen eine Schulkultur schaffen, in der Lernen mehr bedeutet als Wissensvermittlung – eine Kultur, in der Denken selbstverständlich ist, Zusammenarbeit geschätzt wird und jede:r Schüler:in die Chance hat, seine oder ihre Potenziale zu entfalten.

Arbeitspapier

Was steckt hinter dem Denkenden Klassenzimmer? Details und Hintergründe sind in einer Info-Version für Lehrer:innen zusammengestellt.

Das Team für Building Thinking Classrooms an der Comenius-Schule setzt sich aus engagierten Lehrer:innen verschiedener Fachrichtungen zusammen, die gemeinsam die Einführung des Konzepts gestalten und begleiten. Sie erproben neue Unterrichtsformen, tauschen ihre Erfahrungen regelmäßig aus und entwickeln Materialien sowie Raumkonzepte weiter.

Christophe Kaucke

Projektleiter
Lehrer
Fachkonferenz-Vorsitzender Mathematik
📩 christophe.kaucke @ 138344.nrw.schule

Nina Theelen

Lehrerin
Fachleiterin
📩 nina.theelen @ 138344.nrw.schule

Tillmann Minten

Lehrer
Fachkonferenz-Vorsitzender Geschichte
📩 tillmann.minten @ 138344.nrw.schule

Thomas Dahners

Lehrer
Fachkonferenz-Vorsitzender Technik
📩 thomas.dahners @ 138344.nrw.schule

Stephan Leupold

Lehrer
Ausbildungsbeauftrager
📩 stephan.leupold @ 138344.nrw.schule

Eva Schiffer

Sonderpädagogin 
📩 eva.schiffer @ 138344.nrw.schule

Tina Leiber

Lehrerin
Erasmuskoordinatorin 
📩 tina.leiber @ 138344.nrw.schule